ÜZ

Straßenlampentest: Bagger simuliert Wind

10.02.2016

Zeitungsartikel MainPost vom 06.02,2016
Verfasser: Norbert Vollmann

Die ÜZ beugt unliebsame Überraschungen mit einer Standsicherheitsprüfung der Masten vor

Masten von Straßenlampen sind tagein, tagaus dem Wetter ausgesetzt. Sie müssen Frost, Hitze, Wind und Regen trotzen. Im Winter setzt ihnen obendrein aggressives Streusalz zu. Und niemand kann richtig in die Lampe und auch in das Fundament hineinschauen. Trotzdem dürfen die Masten im stärksten Sturm nicht abknicken oder umstürzen.

In Zeiten, in denen die Haftungsfrage bei Unfällen – Stichwort Verkehrssicherungspflicht – immer bedeutender wird, hat die Überprüfung der Standsicherheit stark an Gewicht gewonnen. Die Unterfränkische Überlandzentrale (ÜZ) zollt dem inzwischen mit regelmäßigen „Stresstests“ Rechnung. „Irgendwann kommen die Masten alle in die Jahre“, betont Jürgen Kriegbaum. Er ist in Lülsfeld für den Netzservice zuständig. 

Der regionale Energieversorger ist in Sachen Straßenbeleuchtung im Auftrag fast aller Gemeinden im Versorgungsgebiet unterwegs und damit für derzeit rund 19000 Masten verantwortlich. Bei Masten, die nach den Unterlagen der ÜZ älter als 30 Jahre sind, wurde im vergangenen Jahr vereinzelt Korrosion festgestellt, die äußerlich nicht erkennbar war. Daher erfolgte dieser Tage in  verschiedenen Ortschaften erstmalig die stichprobenartige Durchführung einer Standsicherheitsprüfung an jeweils 60 in die Jahre gekommenen Straßenbeleuchtungsmasten.

Zur näheren Untersuchung der im Zuge einer Risiko-Selektion ausgewählten Straßenlampen hat sich die ÜZ ein Spezialunternehmen für die Mastprüfung ins Boot geholt, die Firma Roch Services GmbH mit ihrem selbst entwickelten Prüfverfahren.

Kein Rütteln am Mast

Von ihren Teams werden pro Woche in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas rund 2000 Straßenbeleuchtungs- und Flutlichtmasten auf ihren Zustand hin gecheckt. Denn die Zeit ist vorbei, dass man sich wie früher auf Sichtkontrollen sowie auf vorbeugende Schutzmaßnahmen, wie die Montage von Manschetten im Bereich der Erdübergangszone, bei Instandhaltungsmaßnahmen oder beim Versetzen von Masten beschränkte. Künftig werden sie alle in einem bestimmten zeitlichen Abstand einem Test unterzogen.

Richtig gerüttelt wird dabei an den Masten nicht, wie man meinen könnte. Der Einsatz modernster Technik liefert heute auf schonendem Weg präziseste Messergebnisse. Davon konnte sich jetzt bei einer Vorführung der Firma aus Lübeck an einem „Demonstrationsmasten“ an der Ecke Berliner Straße/Riemenschneiderweg ein ausgewählter Kreis überzeugen. Er setzte sich aus Mitarbeitern der ÜZ, des Bauhofes und Bauamtes der Stadt Gerolzhofen, der gemeindlichen Bauhöfe aus Dingolshausen, Oberschwarzach, Kolitzheim, Wonfurt, Knetzgau und Theres sowie der Straßenmeistereien von Staat und Kreis zusammen. 

Bei dem von der Firma Roch entwickelten Prüfverfahren simuliert der computergesteuerte Greifarm eines umfunktionierten kleinen Spezialbaggers mittels einer installierten Kraftmessdose an dem Masten bei stetig steigender Belastung die Kräfte, die auf ihn bei einem starken Sturm in bestimmter Höhe einwirken. Am Ende ist die Prüflast 1,6 Mal stärker als die ortsübliche Windkraft. So lässt sich festzustellen, wie der Mast als auch die Gründung auf die einwirkende Kraft reagieren. Parallel dazu wird die Windlast ermittelt, die zusätzlich durch nachträglich angebrachte Verkehrsschilder oder Werbetafeln auf den Mast drückt.

Die Messwerte werden dem Prüfleiter an Ort und Stelle in der Baggerkabine mit Hilfe einer speziell entwickelten Software auf den Rechner übertragen und grafisch in einem Kraft-Weg-Diagramm dargestellt. So kann der Prüfvorgang verfolgt und vor Ort ein erstes Ergebnis geliefert werden. In diesem Fall ging der Daumen hoch. „Wir haben einen Einser-Befund“, verkündete der Mann von der
Firma Roch. Das bedeutet für diesen Mast, dass er weitere sechs Jahre für standsicher erklärt wird, sofern er nicht umgefahren wird oder durch übernatürliche Kräfte Schaden nimmt.

Bis zu vier Prozent Durchfallquote 

Hätte der Mast den Test in Sachen Materialbeschaffenheit und Sicherheit der Verankerung im Boden nicht bestanden, hätte es keine Standsicherheits-Garantie gegeben. Entweder hätte der Mast ausgetauscht werden müssen, oder er hätte ein neues Fundament benötigt. Im Schnitt fallen knapp vier Prozent der von der Firma Roch geprüften Masten durch, so Vertriebsmitarbeiter Gert Mann auf Nachfrage bei der Präsentation in Gerolzhofen. Es sind naturgemäß überwiegend die „älteren Semester“. 

Natürlich kostet die relativ unspektakuläre Überprüfung zunächst einmal Geld. Sie kann aber unter dem Strich bare Münze wert sein, wenn der Mast stehenbleiben kann. Denn so kann der ideale Zeitpunkt der Erneuerung ermittelt und ein vorzeitiger oder zu später Zeitpunkt vermieden werden. Und ganz klar ist die Standsicherheitsprüfung ein wesentlicher Beitrag zur Sicherheit des Verkehrs und der Menschen auf öffentlichen Straßen und Wegen. Sie beugt Unfällen vor und reduziert anderseits die Haftungsrisiken in Sachen Straßenbeleuchtung. 

Übrigens: Von den ausgewählten und überprüften 60 Leuchten war keine akut gefährdet und nur eine im westlichen Landkreis Schweinfurt erwies sich als nur noch eingeschränkt standsicher. Diese Lampe wird nun noch näher untersucht. Bei einer weiteren Leuchte wurde die zulässige Windkraft durch angebrachte Schilder überschritten. 

Jürgen Kriegbaums Fazit: „Von daher wurden wir in unserer Vorgehensweise bestätigt und werden auch in den Folgejahren die Prüfungen fortführen.“

 

 

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